Nils Koppruch - Caruso

Caruso

Dringende Empfehlung vorab: Vor dem Lesen des Pressetextes das Album hören, diesen Pressetext am Besten gar nicht lesen, denn alles was zu sagen ist, findet sich in den zwölf neuen Liedern des Nils Koppruch, so zum Beispiel diese Erkenntnis: Kein einziges Wort kennt die Wahrheit / Und kein einziger Satz den ich schrieb / Erklärt was die Worte nicht sagen / Kein einziges Wort reicht so weit.

Versuchen wirs also mit den Fakten, Stichwort: Sachlichkeit. Der Hamburger Musiker Nils Koppruch hat ein neues Album aufgenommen, es heißt Caruso. Es erscheint bei der Plattenfirma Grand Hotel Van Cleef, die darob derart aus dem Häuschen ist, dass sie diesen Pressetext nicht selber schreiben will, weil:
Die Meinung zur Musik mögen sich die Berichterstatter selber bilden, als Label ist man naturgemäß befangen, da wirkt jede Lobpreisung wie Marktgeschrei, und das haben diese Lieder nicht nötig. Aber bleiben wir sachlich.

Man kennt Nils Koppruch als Sänger und kreativen Kopf der Musikgruppe Fink, die mit Alben wie Mondscheiner, Fink und Haiku Ambulanz  nun ja, man muss es so sagen: Musikgeschichte geschrieben haben. Zumindest gab es das vorher nicht. Es gab diese Art von Texten nicht, und auch nicht diese Musik, die zu beschreiben wir hier gar nicht erst versuchen wollen, denn daran sind schon ganz andere gescheitert. Jedenfalls war vor fünf Jahren Schluss mit Fink.
Es schien, als hätte die ständige Weiterentwicklung von Text und Ton die Band an einen Punkt geführt, von dem aus ein Weiter nicht mehr möglich war. 2007 erschien dann Koppruchs erstes Album unter eigenem Namen. Es hieß Den Teufel tun und war ein bisschen merkwürdig, recht düster nämlich, sparsam instrumentiert und besorgniserregend introvertiert. Es schien, als hätte sich Koppruch von der Welt abgewandt und nicht wenige dachten: Das wars dann wohl.

Der Mann ist ja unter dem Namen SAM. auch erfolgreicher Maler, und vielleicht ist er nun einfach durch mit der Musik  hätte ja sein können. Aber jetzt kommt Caruso, und das waidwunde Solodebüt wirkt auf einmal wie ein Luftholen vor dem ganz großen Wurf. Caruso hat alles, was die Songs von Koppruch und Fink so einzigartig und wundervoll machte. Da ist die Musik, die ihren Ursprung im Nordamerika des Neunzehnten Jahrhunderts hat, im Blues, Country, Folk und Swing, dabei aber niemals folkloristisch wirkt. Es ist eher Pop, der sich aus anderen Quellen speist, als das, was wir gemeinhin als Pop bezeichnen. Und da sind diese Texte, in denen mit wenigen Worten große Geschichten erzählt werden voller Weisheit, Witz und Lebensliebe.
Was nur den wenigsten Dichtern gelingt, erreicht Koppruch dabei scheinbar mühelos: Das Erschaffen mehrer Bedeutungsebenen, die Komplexität des Lebens versteckt zwischen schlichten Zeilen von atemberaubender Anmut, und das alles mit einer Meisterschaft, die sein bisheriges Schaffen in den Schatten stellt und im deutschsprachigen Raum seinesgleichen sucht. Aber Scheiße, wir wollten doch sachlich bleiben...

Es gibt zahlreiche Gäste, die beim Entstehen dieses Albums mitgeholfen haben. Gisbert zu Knyphausen singt die zweite Stimme in Die Aussicht. Es spielen Ecki Heins, Christoph Kähler, Almut Klotz, Reverend CHD, Christoph Jessen, Lars Paetzelt und viele Andere.
Das Stück Kirschen (Wenn der Sommer kommt) erscheint als erste Single; ein luftig leichter Shuffle, dessen Text natürlich nicht um Obst kreist, sondern um die Verheißungen und Chancen, die jedem neuen Tag innewohnen, und die man besser erkennt und ergreift, denn lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt. Selten wurde Optimismus schöner vertont. Aber man wiege sich nicht in Sicherheit, denn gleich hinter der nächsten Ecke lauert der Teufel 

Caruso hätt sich aufgehängt.

Tino Hanekamp